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BECHSTEIN
in
Berlin

 

1868

Facade of the factory, in a publicity of 1865

"Pianoforte-Fabrikanten. Innerhalb der legten 30 Jahre etwa hat die Pianoforte-Fabrikation in Berlin eis nen großartigen Ausschwung genommen. Von ältern Firmen ist namentlich die nunmehr eingegangene Kisting'sche Pianoforte-Fabrik zu nennen, deren Flügel großer Anerkennung sich erfreuten.

Später war es dann die Stöcker'sche, welche mit einer eigenthümlichen Mechanik bedeutende Erfolge erzielte. In neuer Zeit hat die Berliner Pianoforte-Fabrikation einen Weltruf erlangt durch die:

1) Pianoforte-Fabrik von Carl Bechstein (Johannisstraße 4.) Der Begründer Carl Bechstein eröffnete sie mit den bescheidensten Mitteln im Jahre 1856. Vermöge der reichen Erfahrungen, die er während der Zeit, in welcher er in den größten Fabriken Deutschlands, Frankreichs und Englands beschäftigt war, eingesammelt hatte und die er bei seiner großen Intelligenz und geistigen Regsamkeit nun praktisch verwerthete, erreichte er sehr rasch bedeutende Erfolge, so daß er am Ende des genannten Jahres schon 30 Arbeiter beschäftigte.

Bechstein begnügte sich mit diesen Erfolgen nicht, unablässig war er bemüht, seine Instrumente zu vervollkommnen, und so lenkte sich bald die Aufmerksamkeit aller großen Virtuosen, wie der hervorragendsten Musiker auf seine Fabrik. Liszt, Dreyscheck, Hans von Bülow, Tausig und Andere spielten mit großer Vorliebe öffentlich auf Bechstein'schen Flügeln; es ist bekannt, daß namentlich die beiden lestern auf ihren Kunstreisen meist einen „Bechstein" mit sich führen.

So ist es erklärlich, daß die Fabrik sich rasch vergrößerte und daß, nachdem sie allmälig alle disponiblen Räumlichkeiten in dem Gründungslocal - Behrensstraße 56. in Beschlag genommen hatte, Bechstein sich genöthigt sah, ein eignes, großes Fabrikgebäude zu erwerben.

Er baute demgemäß 1861 die Johannisstraße 4 gelegene Fabrik, die zugleich eines der stolzesten Bauwerke Berlins geworden ist. Jest ist die Fabrik wohl die größte und besteingerichtetste in Deutschland. Sie beschäftigt gegenwärtig 200 Arbeiter und fertigt jährlich circa 300 Flügel und über 200 Pianinos, und versendet sie nach allen großen und kleinen Städten Deutschlands, nach Italien und der Schweiz, Frankreich, England, Norwegen, nach Ruhland und Indien.

Die Instrumente Bechstein's zeichnen sich nach dem Urtheil der oben erwähnten Autoritäten nicht nur durch die Zuverlässigkeit und Solidität der Mechanik, sondern namentlich durch eine unerschöpfliche Tonfülle aus, Vorzüge die Bechstein unstreitig als den ersten deutschen Pianoforte -Fabrikanten erscheinen lassen. Ganz besondere Anerkennung erwarben sich die Instrumente auf den Ausstellungen in London (1862) und in Paris (1867).

Nach dem Antrage von fünf Preisrichtern der Londoner Ausstellung sollten fünf der ausgezeichnetsten Fabriken: zwei englische, zwei französische und die Bechstein'sche aufer aller Concurrenz gesetzt werden.

Dieser Vorschlag wurde zwar nicht ausgeführt, aber in dem officiellen Bericht wurden diese fünf Firmen als besonders auszuzeichnende erwähnt." Signale für die musikalische Welt, 28/02/1868, p. 257-258" Signale für die musikalische Welt, 28/02/1868, p. 257-258

"«Durch Bechstein ist Berlin seit 1856 zu einem gewissen Rufe in der Pianofortebaukunst gelangt, hingegen es früher der österreichischen Hauptstadt bei Weitem nachstand. Die Aufnahme nachfolgender Zeugnisse möge diesem strebsamen Fabrikanten die Würdigung unsererseits darthun, obgleich wir nicht in allen Punkten mit dem gespendeten Lobe übereinstimmen können.

„Die Bechstein'schen Instrumente zeichnen sich durch vorzügliche Qualität in allen Zweigen des Clavierbaues aus; Zuverlässigkeit und Solidität der Mechanik, erdenklich möglichste Gleichmässigkeit ebenso der Spielart, wie der Klangregister, eine unerschöpfliche Tonfülle, welche den grössten Reichthum der mannigfaltigsten Abstufungen vom piano bis zum forte in sich schliesst, kurz alle jene Eigenschaften, deren Erkenntniss mir an den Bechstein'schen Instrumenten schon vor einer Reihe von Jahren die seitdem durch nichts entkräftete Ueberzeugung mitgetheilt hat, dass Herr Bechstein der erste deutsche Pianoforte-Fabrikant ist, welcher seine Produkte auf eine Höhe der Vollkommenheit gebracht hat, dass dieselben mit den trefflichsten und berühmtesten des Auslandes eine glückliche Concurrenz bestehen können.»

(gez.) Freiherr Hans von Bülow. Hof-Pianist Sr. Majestät des Königs v. Preussen."

«Auf meinen letzten Reisen in Deutschland benutzte ich zu meinen Concerten die Instrumente von Herrn Carl Bechstein. Dieselben zeichnen sich durch grossen, gesangreichen Ton, elastische Spielart nicht allein vor andern Instrumenten aus, sondern haben auch eine ModulationsFähigkeit, unterstützt durch eine ausgezeichnete, leicht zu behandelnde Mechanik, welche nur diesen Instrumenten eigen ist. Es macht mir ein Vergnügen, Jedem dieselben als vortrefflich in jeder Hinsicht empfehlen zu können.»
(gez.) A. Dreyschock, Königl. Kaiserl. Hof-Kapellmeister.

«Beim Preisgericht der Königlichen Commission der Londoner Ausstellung für 1862 sollte laut Instruction eine gleiche Auszeichnung (Medaille) für Alle gegeben werden. Die Jury war dadurch in eine sehr schwierige Lage gebracht, da sie doch Viele auszeichnen wollte, aber doch unmöglich das Hervorragendste mit dem etwas Geringeren in eine Kategorie bringen konnte. Es richteten deshalb 5 Jurors an den Präsidenten Sir George Clerk die Bitte: die fünf ausgezeichnetsten Fabrikanten von Pianos, zwei in England, zwei in Frankreich und Bechstein's Firma in Deutschland „ausser alle Concurrenz" zu setzen. Es wurde dieser Vorschlag zwar als nicht praktisch verworfen, jedoch kam der Conseil of Chairmen überein, in dem officiellen Berichte dieser fünf Firmen als besonders auszuzeichnender Fabrikanten zu erwähnen.»
(Aus dem officiellen Bericht der Londoner Industrie-Ausstellung pro 1862 entnommen.)

«Preussen Carl Bechstein, Hoflieferant Sr. Majestät des Königs und Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Carl von Preussen, dessen Geschäft erst im August 1856 gegründet wurde, aber in der kurzen Zeit von sechs Jahren sich zu einer solchen Höhe emporgeschwungen hat, dass er mit circa 130 Arbeitern gegen 400 Instrumente jährlich fabricirt, worunter allein 180 Flügel zu zählen sind, und nach Amerika, Asien, England und Russland ausführt, hatte zwei ganz ausgezeichnete Flügel geschickt. Die Instrumente Bechstein's zeichnen sich durch eminente Frische und Freiheit des Tones, Annehmlichkeit der Spielart und Gleichheit der verschiedenen Register aus, und dürften selbst der kräftigsten Behandlung Widerstand leisten.
Wir berichten mit Freuden, dass diese Flügel eine grosse Anzahl von Freunden in London gefunden haben und sind überzeugt, dass sich das schon vorhandene Renommée noch steigern und dieselben noch grössere Verbreitung in England finden werden. Die Uebereinanderlegung der Saiten in dem einen Flügel ist zwar nicht neu, aber mit grossem Erfolg und sehr geschickt angewendet. Das Fabrikat wird mit der „Ersten grossen englischen Preismedaille" prämiirt."
(Unterschrift des Preisgerichtes.)

Gegenwärtig soll Herr Bechstein in seiner neuen Fabrik gegen 200 Arbeiter beschäftigen, welche in zweckentsprechender Weise nach ihren Kräften vertheilt sind." Geschichte des Claviers vom Ursprunge bis zu dem modernsten Formen dieses ..., 1868, p. 203-205

1896

  "Die Pianoforte fabrik von C. Bechstein, welche durch den jetzigen Commerzienrath Carl Bechstein im Jahre 1854 in der Behrenstrasse 56 in kleinem Umfange begründet wurde, erregte durch den Bau der ersten Instrumente in der Musikwelt grofses Aufsehen.

Im Jahre 1860 wurde die erste Fabrik auf den aneinander belegenen Grundstücken in der Johannisstrafse 6 und Ziegelstrasse 21 erbaut; bald hiernach wurden die nachbarlichen Grundstücke Johannisstrafse 5 u. 7 erworben und auf dem freien Hinterland Erweiterungen der bestehenden Fabriken, soweit eine Bebauung zulässig war, vorgenommen.

Diese jetzt noch bestehenden Fabrikanlagen, in denen nur mit Handbetrieb gearbeitet wird, bedecken einschl. der Comptoir-, Ausstellungsräume, Stallungen und Remisen einen Flächenraum von 2040 qm und sind fünf Stockwerke hoch.

Aufser den massiven Treppen dient dem Verkehr ein elektrischer Personen- und Lastenaufzug von 500 kg Tragkraft mit einer Fahrbühne von 5 m Länge und 1,50 m Breite. Weitere Vergröfserungen der Fabrikanlage wurden nach dem Jahre 1880 durch das stetige Wachsen des Geschäfts erforderlich.

Abb. 725. Schnitt a-b.

Es wurden zu diesem Zweck zunächst die Grundstücke Wiener Strafse 25 und Grünauer Strasse 38/39 erworben und auf dem Hinterland das in Abb. 724 mit A bezeichnete Trockenhaus (Abb. 725) und das vier Stockwerk hohe Fabrikgebäude C (nebst anliegendem Kesselhaus) erbaut, in welchem im untersten Stockwerk die umfangreichen durch Dampfkraft betriebenen Holzbearbeitungsmaschinen untergebracht sind (Abb. 727).

Abb. 726. Schnitt c-d.

Wenige Jahre später wurde das Gebäude B errichtet, worin im Kellergeschofs eine eigene Schleiferei und Lackirerei für die beim Bau der Instrumente erforderlichen Eisengufsplatten nebst den grofsen Trockenkammern eingerichtet sind (Abb. 726).

Nach dem weiteren Erwerb des angrenzenden Grundstücks Reichenberger Strafse 124 wurde die dritte Fabrik D mit selbständigem Kesselhaus und Maschinenbetrieb erbaut. Die Verbindung dieser drei getrennten Fabrikgebäude wird über die grofsen dazwischen liegenden Höfe, welche zu Holzlagerplätzen dienen, durch schmalspurige Eisenbahnen hergestellt.

Abb. 727. Schnitt e-f.
Pianofortefabrik von C. Bechstein.

Eine fernere Erweiterung der gesamten Fabrikanlage wird wird zur Zeit auf dem grofsen Hinterland des neu erworbenen angrenzenden Grundstücks Reichenberger Strafse 122, nach dem Entwurf des Architekten Carl Schäfer, ausgeführt. Dieses neue Fabrikgebäude EF, welches einschl. des Kellers sechs Stockwerke hoch wird, ist durch seine Lage mit den bereits bestehenden drei Fabriken in Verbindung gebracht und gestattet im Betriebe einen bequemen Verkehr durch die einzelnen Stockwerke.

Sämtliche Gebäude sind massiv im Ziegelrohbau, theils in einfachen, theils in entwickelteren Formen ausgeführt und haben Holzcementbedachung. Die Deckenconstructionen bestehen aus Gewölben zwischen schmiedeeisernen Trägern, welche in der Mitte auf ebensolchen Unterzügen ruhen und durch gufseiserne Säulen unterstützt werden. Die Fufsböden bestehen in Fabrik C aus gespundeten, rauhen Dielen, in den übrigen Fabriken aus Cementbeton.

Die Treppen sind von Granit. Für die Beförderung von Lasten sind vier Dampf-Fahrstühle in verschiedenen Abmessungen vorhanden, welche vom Erdgeschofs bis zum Dachboden gehen. Die Erwärmung der sämtlichen Räume, in welchen ohne Rücksicht auf die Jahreszeit eine Temperatur von + 20° C. vorhanden sein mufs, wird durch eine Dampfheizung mittels schmiedeeiserner Rohre und gufseiserner Rippenrohrregister bewerkstelligt, mit der auch die in der Mitte der Räume stehenden schmiedeeisernen Heizplatten zum Trocknen der Hölzer, sowie die Leimwärmkästen in Verbindung stehen.

Vier Dampfkessel mit zwei liegenden Dampfmaschinen von zusammen 120 P.S. liefern den Dampf für die Heizung und die nöthige Kraft für die Arbeitsmaschinen.

Die Bechstein'schen Fabrikanlagen in der Wiener, Grünauer und Reichenberger Strafse bedecken ein Grundstück von 11926 qm, die Gebäude haben eine Grundfläche von zusammen 4300 qm. Zur Zeit werden 500 Arbeiter beschäftigt, welche jährlich rund 3000 Instrumente fertig stellen; nach Inbetriebnahme des gegen Ende dieses Jahres fertig zu stellenden neuen Fabrikgebäudes wird die Anzahl der Arbeiter auf 800 erhöht, wonach eine jährliche Leistung von 4500 Instrumenten erzielt wird. Sie ist alsdann die gröfste Pianofortefabrik in Europa.

Von den zahlreichen Klavierfabriken Berlins nennen wir noch G. Schwechten, J. L. Duysen, F. Neumeyer, Görs & Kallmann, F. Rösener.

Die vorstehenden knappen Mittheilungen über die hoch entwickelte Holzbearbeitungsindustrie Berlins schliefsen wir mit der Erwähnung eines neuen und höchst bemerkenswerthen Betriebes mechanischer Bildhauerei.

Die ,,Gesellschaft für Kunstbildnerei Fromm, Grüne & Co.", Dieffenbachstrafse 36, copirt mit der Maschine von Gipsmodellen, und zwar nicht nur in Holz, sondern auch in Marmor, Sandstein usw., gleichzeitig in mehreren Stücken nach einem Muster.

Eine Abbildung steht uns leider nicht zur Verfügung. Die Maschine zerfällt in eine Reihe kleiner Bohrmaschinen, deren Bohrer auf elektrischem Wege 2500-3000 Umdrehungen in der Minute erhalten. Die aufserordentlich sinnreiche Lagerung der Welle, an der die Maschinen angebracht sind, gestattet die völlig freie Bewegung der Bohrerspitzen nach Führung des Tasters, sodass in Holz wie in Stein Nachbildungen von gröfster Genauigkeit erzielt werden." Berlin und seine Bauten, Volume 1, 1896, p. 608-609

1892

Der Klavierlehrer: musikpädagogische Zeitschrift für alle Gebiete ..., Volume 15, 01/07/1892, p. 171

Der Saal Bechstein. Von Emil Breslaur.

Musik-Aufführungen.

"Wie Paris seinen Saal Erard, der dort denselben vornehmen Charakter trägt, wie bei uns die Singakademie, so hat Berlin jetzt seinen Saal Bechstein. Jener, genannt nach dem grossen französischen, dieser nach dem berühmten deutschen Klavierbauer.

Herr Konzertdirektor Hermann Wolf ist der Besitzer des Saales, er hat ihn erbaut, um einen nur Konzertzwecken dienenden Saal für Aufführungen ohne Chor und Orchester zu mässigem Preise den Konzertgebern zur Verfügung stellen zu können.

Der Saal liegt in der Linkstrasse in der Nähe des Potsdamer Platzes, ist sehr vornehm ausgestattet, fasst 520 Personen und hat eine vorzügliche Akustik.

Am vierten, fünften und sechsten Oktober sah man in dem Saale neben einer Anzahl von Musikfreunden Alles vereinigt, was Berlin an künstlerischen Berühmtheiten in sich birgt, um den Kunstgenüssen zu lauschen, durch die der Saal seine Weihe erhielt. [...][...]" Der Klavierlehrer: musikpädagogische Zeitschrift für alle Gebiete ..., Volume 15, 15/10/1892, p. 265

1896

C. Bechstein in Berlin.
Flügel- und Pianino-Fabrik.

"Blickt man auf die Geschichte der Tonkunst zurück, so wird man erkennen, dass sie von der Geschichte des Instrumentenbaues nicht getrennt werden kann. Jeder bedeutungsvolle Fortschritt in der Tonsprache, der fast durchgehend mit den wichtigsten Erscheinungen des allgemeinen Geisteslebens zusammenfiel, hatte auch zumeist irgend eine bemerkenswerthe Vervollkommnung der Musikinstrumente zur Folge.

So trat eine neue Epoche in der Ausbildung der Tasteninstrumente ein, als mit der Schöpfung des Kontrapunktes die Tonkunst allmählich zu jener geistigen Vertiefung gelangte, welche besonders durch die unsterblichen Werke eines Händel, eines Sebastian Bach charakterisirt wird.

Je mehr die Musik mit Mozart und Beethoven zur reichsten Kunst sich erhob, je mehr daneben die wissenschaftliche Erkenntniss von den Gesetzen des Schalles im Instrumentenbau erfolgreiche Anwendung fand, um so gröfser gestalteten sich die Fortschritte in der gesammten Konstruktion des Pianofortes.

Wie die Musik durch deutsche Tonschöpfer ihre eigentliche Vergeistigung empfing, so wurde auch der deutsche Pianofortebau bahnbrechend für die ganze Kulturwelt. Denn deutsche Meister waren es, welche aus dem Klavier, das noch zur Zeit Beethovens einen kleinen spitzen Ton und nur eine begrenzte Klangkraft besafs, allmählich das heutige Pianoforte geschaffen haben, das durch die Macht seiner Tonfülle ein Orchester zu ersetzen und ebenso die zartesten Klangfarben wiederzugeben vermag.

Ueberall auf der Erde, wo die Musik als „Muttersprache des empfindenden Menschen" gilt, sind deshalb auch diese Werke des heimischen Kunstgewerbes begehrt und eingeführt. Ueberall, wo man der hohen Bedeutung des Klaviers das richtige Verständniss entgegenträgt, weiss man es, dass in unserer deutschen Reichshauptstadt einer der ersten Pioniere in der Entwickelung des Pianofortebaues der Jetztzeit lebt, dass Berlin die Heimstätte der weltberühmten Fabrik C. Bechstein ist.

Meister Carl Bechstein, der hochverdiente Begründer dieses Welthauses, wurde am 1. Juni 1826 in Gotha geboren. Die ererbte Liebe für die Tonkunst und seine angeborene musikalische Begabung bestimmten ihn, sich dem Pianofortebau zu widmen. Von dem regen Streben beseelt, ein Künstler seines Berufes zu werden, bekundete er bereits in seinen Jünglingsjahren eine solche Selbständigkeit des Schaffens, dass er gar bald zum Leiter der damals in Berlin hochrenommirten Pianofortefabrik von G. Perau berufen wurde.

Nach mehrjähriger Thätigkeit in dieser Stellung machte er zur Erweiterung seiner Kenntnisse Studienreisen nach London und Paris, um alsdann nach Berlin zurückzukehren und im Jahre 1854 ein eigenes Unternehmen zu begründen. Seinen bescheidenen Mitteln entsprechend, begann er seine so erspriefsliche Wirksamkeit, von wenigen Arbeitern unterstützt, in beschränkten Werkräumen, Behrenstr. 56.

Doch es währte nicht lange, da wurde man in den musikalischen Kreisen der Residenz auf die meisterlichen Schöpfungen Bechstein's, die sich schon damals durch ihren edlen vollen und gesangreichen Ton auszeichneten, mehr und mehr aufmerksam.

Bülow und Liszt traten dem jungen Meister näher und veranlafsten ihn, den Bau von Konzertflügeln zu beginnen. Der junge Unternehmer vermochte mit seinem begrenzten Betriebe den wachsenden Aufträgen bald nicht mehr nachzukommen und beschloss deshalb, als räumliche Erweiterungen in dem bisherigen Heim sich nicht mehr ermöglichen liessen, einen neuen gröfseren Fabrikbereich zu errichten.

So siedelte er denn im Jahre 1860 nach einem jener Grundstücke in der Johannisstrafse über, die nunmehr mit ihren ausgedehnten, bis zur Ziegelstrafse sich erstreckenden Fabrikanlagen, mit ihren stattlichen Magazinen, ihren ansprechenden Wohngebäuden die Zentrale des Bechstein'schen Weltgeschäftes bilden.

Nun vermochte er seine Kräfte zur freieren Entfaltung zu bringen, seine weitgehenden Ideen zu verwirklichen. Nun begann er, angeregt durch die Anerkennung der ersten Tonsetzer und Klavierkünstler, dem Bau grofser Konzertflügel eine erhöhte Wirksamkeit zu widmen. Diese Schöpfungen trugen binnen Kurzem den Namen „Bechstein" durch die ganze Kulturwelt. Seitdem ist dieser Name mit der neuesten Geschichte der Musik innig verwachsen, gilt er als das Merkmal einer neuen Epoche in der Entwickelung des Pianofortebaues.

Von Jahr zu Jahr nahm jetzt der Betrieb des Unternehmens einen gröfseren Umfang an, erweiterte sich das Netz seiner Weltverbindungen. Als dann schliefslich eine weitere Betriebsausdehnung auf dem Anwesen in der Johannis- und Ziegelstrafse nicht mehr durchzuführen war, erwarb die Firma 1880 in der Grünauerstrasse, unweit des Görlitzer Bahnhofes, ein umfangreiches Grundstück behufs Errichtung einer neuen Fabrik, die ausschliesslich allen vorbereitenden Arbeiten dienen sollte.

Sechs Jahre später erhielt die neue Anlage durch den Ankauf eines benachbarten Terrains, auf welchem der Bau eines zweiten stattlichen Fabrikgebäudes vollführt wurde, einen wesentlichen Zuwachs. Und 1887 erstand auf diesem mächtigen Besitzthum, das nunmehr mit seinen weiten Holzplätzen und Hofräumen sowie mit seinem Zubehör von Wohnhäusern ein Areal von über 4 Morgen umfafst, ein drittes der Arbeit gewidmetes mehrstöckiges Bauwerk.

Doch heute zeigt es sich bereits, dass auch diese Arbeitsstätten dem fortgesetzt wachsenden Geschäftsverkehr nicht mehr zu entsprechen vermögen. Daher hat die Firma auch beschlossen, auf diesem Terrain noch einen vierten Fabrikbau aufführen zu lassen.

Durch diese weitgehenden Vergröfserungen ihres Betriebes hat die Leistungsfähigkeit der Firma auch in quantitativer Hinsicht einen solchen Aufschwung genommen, dass sie nun die gröfste ihres Faches auf unserem Erdtheil ist. Stellt sie doch jetzt schon jährlich gegen 3000 Flügel und Pianinos her, welche durchweg als beredte Zeugen von der hohen künstlerischen Stufe des Instituts in der Ausbildung der Tonsprache gelten können.

Diese bedeutsamen Erfolge konnte Carl Bechstein, der noch heute in Gemeinschaft mit seinen Söhnen, den Herren Edwin, Carl und Hans Bechstein, die leitende Kraft des Unternehmens bildet, nur dadurch erreichen, dass er es stets in der vollkommensten Weise verstand, seine hohen künstlerischen Ziele mit den Wegen der fortschreitenden Technik zu vereinigen.

Sein Streben war eben frühzeitig dahin gerichtet, mit peinlicher Sorgfalt das wichtigste Rohprodukt im Pianofortebau, das Holz auszuwählen und zu behandeln, ferner eine richtige Arbeitstheilung und die sorgsamste Ueberwachung aller Einzelheiten in der Fabrikation durchzuführen und so in Verbindung mit seiner eigenartigen durchgeistigten Konstruktion ein vollkommenes Ganzes erzielen zu können. Er wählte zur Erreichung dieses Zieles in allen Zweigen seines Schaffens die besten Arbeitskräfte aus und setzte sowohl für die Hand- als für die Maschinenarbeit bestimmte Grenzen fest.

Eine Wanderung durch die vielverzweigten Werkstätten dieses Weltinstituts, in denen sich die Schaffenskraft von über 550 Personen entfaltet, entrollt dem Beschauer gar wechselreiche Bilder der Holz- und Metallbearbeitung sowie der kunstgewerblichen Technik des Pianofortebaus. Wir beginnen unseren Rundgang mit der Besichtigung der gewaltigen Holzläger der Firma, die sich über die ausgedehnten Hofplätze des Fabrikbereiches in der Grünauer-, Reichenberger- und Wienerstrafse hinziehen.

Da erblicken wir eine unabsehbare Menge regelrecht gebildeter Stapel von ausgesuchten mannigfachen Holzarten heimischer und ausländischer Waldungen. Und alle diese bereits zu Brettern geschnittenen Kiefern-, Tannen-, Buchen-, Eichen- und Ahornstämme, ferner die zumeist dem überseeischen Westen entstammenden Pappel-, Nussbaum-, Mahagoni- und Jacaranda-Hölzer bekunden dem Beschauer, dass für die Werke dieses Hauses nur die allerbesten Stämme zu verwerthen sind.

Doch ehe diese Hölzer ihrer Bestimmung dienen können, müssen sie erst die Reife absoluter Beständigkeit und Bildungsfähigkeit erlangt haben und zu diesem Behufe oft viele Jahre hindurch hier im Freien und in Schuppen lagern. Dann unterliegen sie einem längeren Trockenprozess in jenem grossen, an das neue Fabrikgebäude grenzenden Trockenhause, in welchem eine Heizungsanlage die warme Luft erzeugt und verschiedene Schlote und äufsere Kanalanlagen für eine stete Zirkulation der Luft Sorge tragen.

In den trefflich eingerichteten Werkstätten des Parterres des grofsen, rechts vom Haupteingange in der Grünauerstrafse gelegenen Gebäudes, die, wie alle Arbeitsräume dieses Fabrikbereiches, durch ihre freundliche Helligkeit sowie durch eine mustergiltige Ventilation sich auszeichnen und mit Dampfheizung versehen sind, betrachten wir sodann, wie die so vorbereiteten Holzarten zur Bearbeitung kommen.

Vermittelst einer Menge Spezialmaschinen neuester Konstruktion, die sämmtlich mit den vollkommensten Schutzvorrichtungen ausgerüstet sind, erhält das Holz die mannigfachsten Gestaltungen.

Ein Theil dieser maschinellen Werke ist mit Exhaustoren behufs Entfernung der Späne eingerichtet, welch letztere durch einen gröfseren Exhaustor einem Kanal zugeführt werden, um von hier aus zur Feuerung in die beiden grossen Dampfkessel zu gelangen, welche in einem angrenzenden Seitenbau Aufstellung gefunden haben. An die grosse Werkhalle der Holzbearbeitung schliefst sich der Maschinenraum für diese Abtheilung an, der mit einem Dampfmotor von 60 Pferdestärken ausgerüstet ist.

Begeben wir uns nun in den dieser Werkhalle gegenüber gelegenen Raum, so erhalten wir einen
Einblick in die stattliche Schlosserei der Fabrik. Wir sehen hier, wie vermittelst einer Reihe von Spezialmaschinen verschiedener Art das für den Pianofortebau nöthige Metall die entsprechende Bearbeitung erhält, wie also die Eisenplatten, welche wir auf dem Resonanzboden der Klaviere wahrnehmen, gebohrt und fertiggestellt werden, wie ferner die Fufsrollen, die Pedale, kunstvolle Scharniere und Schlüssel, die mannigfachsten Schrauben und eine Anzahl anderer kleiner Metalltheile entstehen.

Alle diese Objekte sowie die in den Arbeitsstätten der Holzbearbeitung erzeugten Theile kommen in das im ersten Stock gelegene MaterialenMagazin, um von hier aus nach erfolgter Prüfung den einzelnen Werkstätten zur weiteren Bearbeitung übergeben zu werden. In den Arbeitsräumen des ersten, zweiten und dritten Stockwerks schauen wir, wie die gröfseren Theile erzeugt, namentlich wie die Wände der Flügel, nachdem sie gebogen, aus 12 bis 20 Holzdickten in sorgsamster Weise von erprobten Arbeitern zusammengesetzt und mit Fournieren bekleidet werden.

Wir sehen hier ferner, dass alle Holztheile, ehe sie zur weiteren Gestaltung gelangen, erst noch einer längeren Trockenprozedur auf Gestellen unterliegen, die sich unter der Decke der verschiedenen Räume befinden. Durch Fahrstühle, die sich in allen Bauwerken befinden, werden die einzelnen halbfertigen Gebilde von Etage zu Etage befördert.

Wärend dieses Gebäude in der Hauptsache der Herstellung der Flügel gewidmet ist, dient der dahinter gelegene imposante Fabrikbau, dessen maschinelle Apparate durch einen besonderen Dampfmotor von 40 Pferdestärken betrieben werden, vorzugsweise der Erzeugung der Pianinos.

In Arbeitssälen des Souterrains sehen wir, wie die Resonanzböden und Deckel der Instrumente von kunstgeübten Händen verleimt und durch eine Riesenhobelmaschine eigener Konstruktion bearbeitet werden. Hier betrachten wir, wie die Fourniere zugeschnitten, dort wie dieselben mit einander verbunden werden.

Von der Sorgfalt der Fabrik in der Auswahl und Behandlung der Fourniere erhalten wir in dem Lagermagazin für dieselben eine vollkommene Anschauung. Auch hieraus ist ersichtlich, von welchen weitgehenden Bestrebungen die Firma beseelt ist, zu ihren Schöpfungen nur die trefflichsten Materialien zu verwenden. Dies erklärt auch die wohl unübertroffene Haltbarkeit der Bechstein'schen Instrumente, ihre absolute Widerstandsfähigkeit gegenüber den Einflüssen der verschiedensten klimatischen Verhältnisse.

Indem wir weiter wandern, sehen wir hier die Rahmen und andere Theile der Pianinos in die Erscheinung treten, dort die kunstreich geformten Füsse, die Lyra des Pedals, die wechselreich mit Schnitzereien geschmückten Notenpulte und andere plastische Gebilde entstehen. In diesen Räumen erfolgt die Vereinigung der einzelnen Theile zu einem Ganzen, in jenen sehen wir, wie das Ganze die erste Politur erhält und den Instrumenten die Saiten einverleibt werden.

Das neuere Fabrikbauwerk, das in allen seinen Anlagen ein echtes Spiegelbild der vorwärts schreitenden Zeit darbietet, ist lediglich für das Einsetzen der Resonanzböden in die Instrumente bestimmt. In seinem Kellergeschofs befindet sich überdies ein umfangreicher Werksaal mit Lackiröfen, wo das Bronziren der Platten uud anderer Theile bewirkt wird.

Ueberall erkennen wir auch in diesen Arbeitsstätten, wie vielverzweigt das Schaffen im Pianofortebau ist, welche Bedeutung selbst das unscheinbarste Theilgebilde für den Werth des Ganzen hat. Alle in diesem Fabrikbereiche hergestellten Schöpfungen, die sich uns als vollständige Flügel- und Pianinokörper darstellen, gelangen durch die zweckmässig eingerichteten Fuhrwerke der Firma in die umfangreichen Werkstätten der Stammfabrik in der Johannisstrafse.

Durchwandern wir hier das Labyrinth der sich durch mehrere Gebäude hinziehenden Werkhallen, deren Etagen behufs des Transportes der Erzeugnisse durch 3 Fahrstühle mit einander in Verbindung stehen, dann entrollen sich uns wieder neue Bilder des Schaffens, dann sehen wir, mit welcher peinlichen, gewissenhaften Sorgsamkeit die in dem anderen Fabrikbereiche erzeugten Schöpfungen fertiggestellt werden.

Hier und dort betrachten wir dann, wie die Flügel und Pianinos durch das Einsetzen der sinnreich konstruirten Mechanik und der Klaviatur den Organismus der Sprache erhalten, wie in diesen und jenen Räumen das wechselreiche Werk der Politur vollzogen wird. Ist dieser langwierige Prozess beendet, dann beginnt die wichtige Arbeit der Klangprüfung und des Justirens und Egalisirens. Erst wenn die letzte Prüfung die Vollkommenheit in allen Klangfarben und in der ganzen Stimmung ergeben hat, wird das fertige Instrument den Magazinen zugeführt.

Von den wundersamen klangreichen Tonfarben der Bechstein'schen Kunstschöpfungen erhalten wir in diesen mit vornehmem Geschmack ausgestatteten Verkaufsstätten gar sprechende Kunde. Da schauen wir die wundersamen Konzertflügel, welche die ganze Leiter der Tonsprache zu dem gewaltigsten Ausdruck zu bringen vermögen; sodann die für das Heim bestimmten ansprechend gestalteten Stutzflügel, deren Tonschönheit gleichfalls von berückender Macht ist; ferner die Pianinos, die in allen ihren Registern eine gleich voll und edel klingende Sprache ertönen lassen.

Richten wir nun die Blicke auch auf die äussere Gestaltung und Ausschmückung dieser Schöpfungen, dann tritt uns der edle Geschmack des Instituts in überzeugender Weise entgegen. Diese Instrumente in weisser Farbentönung mit den reizenden Malereien sind im vollkommensten Stil des Barock oder Rococo gehalten, jene mit den ansprechenden Schnitzereien und dem Intarsienschmuck schmiegen sich dem Renaissancestil an. Hier sehen wir sowohl Flügel als Pianinos in naturalistischer oder ornamentaler Weise mit Marqueterie geziert, und dort die hellfarbigen Satinholz-Instrumente.

Diese Werke mit den glänzenden Beschlägen entsprechen ebenso, wie die in dem dunkel gehaltenen Mahagoni gebauten, dem englischen Geschmack. Hier erblicken wir Pianinos in dunklem Mahagoniholz, das in ansprechender Weise von Buxbaumadern durchzogen wird, und dort prächtige Flügel, die auf 6 Füfsen ruhen und mit kunstvollen Arbeiten der Holzbildnerei geziert sind. In überaus sachkundiger Weise versteht es die Firma, die mannigfachen Holzarten, dem Klima des Ortes entsprechend, wo das Instrument sein Heim finden soll, auszuwählen, und auch die Art der Gestaltung und Ausschmückung der sonstigen Zimmereinrichtung vollständig anzupassen.

Dieses Pianino mit dem eigenartigen Schreibepult ist für den Gebrauch des Tondichters und jenes kleine Instrument mit einem ebenfalls breiten und festen Pult für den Kapellmeister eines Bühnenorchesters ausersehen. Auf dem obersten Stockwerk eines der Hauptgebäude hat die Fabrik ein photographisches Atelier errichtet, um die hervorragendsten Schöpfungen ihrer Werkstätten zur bildnerischen Reproduktion bringen zu können.

Im Jahre 1879 hat die Firma in London eine Filiale errichtet, die aus kleinen Anfängen sich zu einer mafsgebenden Stellung in der musikalischen Gesellschaft dieser Weltstadt emporgerungen hat. Obgleich die Firma daselbst im Jahre 1889 ein eigenes Gebäude erwarb und dasselbe mit umfangreichen Verkaufsmagazinen und Reparaturwerkstätten ausstattete, war sie dennoch genöthigt, bereits 1891 ein zweites Gebäude als Niederlage einzurichten. An allen anderen gröfseren Plätzen der ganzen Welt ist die berühmte Fabrik durch Vertretungen repräsentirt.

Dem hochverdienten Schöpfer dieses Ganzen sind mannigfache Ehren zu Theil geworden. Er erhielt den Charakter eines königlichen Kommerzienraths: er ward zum Hoflieferanten des Deutschen Kaisers, der Deutschen Kaiserin, der Königin von England, der Königin von Spanien und anderer Monarchen ernannt. Die bedeutendsten Tondichter und Künstler haben in seinen Schöpfungen die vollkommensten Verkünder ihrer Gedankenwelt, ihrer genialen Vortragsweise erkannt. Paul Hirschfeld." Export, Organ des Centralvereins für Handelsgeographie, 1896, p. 133-136

1912

Weltadressbuch der gesammten Musikinstrumenten-Industrie, 1912, p. 19 (digital.sim.spk-berlin.de)

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