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WOLKENHAUER Georg
in Stettin (
Sczcecin)

1881

 Pommerns Pianoforte-Industrie.
Die Brüder Wolkenhauer.

"Vor mehr wie dreissig Jahren, als es in den nördlichen Provinzen Preussens noch kein Clavier-Geschäft von irgend welcher Bedeutung gab und die Bewohner derselben in dieser Richtung fast ausschliesslich auf Berlin, Leipzig oder Wien angewiesen waren, lebte zu Stettin ein junger intelligenter Musiker, Namens Georg Wolkenhauer, aus Hannover stammend. Derselbe erkannte das Missliche eines solchen Zustandes, da er oft genöthigt war, den Bedarf an Instrumenten für seine Schüler selbst zu beschaffen.

Er fasste deshalb den Entschluss, in Stettin ein Magazin anzulegen, in dem das Publikum eine Anzahl von Instrumenten damals berühmter Firmen, betreffs bequemer Auswahl, stets vorräthig finden sollte.

Es war dies in jener Zeit für eine so abseits gelegene Stadt wie Stettin ein ganz neuer Gedanke, Mancher, dem Wolkenhauer denselben darlegte, schüttelte bedenklich mit dem Kopfe und prognosticirte diesem Unternehmen keinen Erfolg. Georg Wolkenhauer aber liess sich nicht abschrecken. Er machte Reisen nach Berlin, Leipzig, ja sogar nach Wien, dessen Instrumente sich aus einer Art Pietät damals noch einer gewissen Achtung von Seiten des Publikums erfreuten.

Im Jahre 1853 eröffnete er sein Magazin. In den ersten Jahren des Bestehens erfüllte das Unternehmen die Erwartungen nicht, die Georg Wolkenhauer auf dasselbe gesetzt hatte, es brachte viel Mühe, viel Sorge mit sich und lohnte nicht mit entsprechendem Gewinn. Was dem Geschäfte fehlte, war eine technisch und kaufmännisch geschulte Kraft.

Es wäre fast dahin gekommen, dass Georg Wolkenhauer einem ehrenden Rufe als Lehrer an das Conservatorium zu Strassburg im Elsass gefolgt und das junge Geschäft aufgegeben hätte.

Der Bruder des Unternehmers, der jetzige Inhaber des Geschäftes, Richard Wolkenhauer, welcher, nachdem er bei einem Verwandten seine Lehrzeit beendet und, um sich auch in kaufmännischer Beziehung auszubilden, die Handels-Academie zu Hamburg absolvirt hatte, kam zu dieser Zeit nach Stettin. Er erkannte sofort, welch richtige Idee dem kleinen Unternehmen zu Grunde lag; er erkannte aber auch, was nothwendig,

um auf diesem Grundsteine ein festes Gebäude aufbauen zu können. Er bestimmte den Bruder, den Ruf nach Strassburg abzulehnen und machte ihm den Vorschlag der Associirung. Georg Wolkenhauer nahm diesen Vorschlag mit Freuden an.

Von dem Tage der Vereinigung der beiden Brüder ab begann der Aufschwung des Wolkenhauer'schen Unternehmens.

Nach wenigen Jahren vergrösserte sich der Umfang der Geschäfte so, dass Georg seiner Lehrthätigkeit entsagen und seine ganze aze Kraft denselben widmen musste.

Im Jahre 1869 starb Georg Wolkenhauer und sein Bruder Richard, der ihm die Augen zugedrückt hatte, übernahm das Erbe, so dass dieser nun der alleinige Besitzer des Geschäftes wurde.

Richard Wolkenhauer erhielt hierdurch vollständig freie Hand.

Bis dahin war die Firma G. Wolkenhauer nur ein Handelsgeschäft in Clavieren gewesen, und wie oft auch Richard seinem Bruder vorgestellt hatte, dass es bei dem Umfange, den das Geschäft erlangt, nützlich, ja fast unerlässlich nöthig sei, wenigstens den grössten Theil des Bedarfes an Pianinos selber zu fabriciren, so war dieser doch nicht hierzu zu bewegen gewesen.

Jetzt konnte Richard Wolkenhauer seinen schon lange gehegten Lieblings-Gedanken ausführen.

Er brachte im Jahre 1870 durch Kauf die Fabrik des Pianoforte-Fabrikanten Huet, welche seit einigen Jahren in Stettin begründet und deren Erzeugnisse bis dahin fast ausschliesslich in das Wolkenhauer'sche Magazin gewandert waren, an sich und vergrösserte dieselbe.

Im Jahre 1873 kaufte Wolkenhauer ausserdem noch die Fabrik des Königl. Hof-Pianoforte-Fabrikanten Biese in Berlin, welche er ebenfalls vergrösserte. Diese jedoch hat er nur bis zum Jahre 1875 besessen, in welchem sie der frühere Besitzer zurückkaufte. In Folge dessen vergrösserte Wolkenhauer seine Stettiner Fabrik zum zweiten Male. Augenblicklich steht Wolkenhauer in Unterhandlung wegen des Ankaufes einer grossen Berliner Pianoforte-Fabrik.

Zur Zeit verkauft die Firma Wolkenhauer per Jahr 1200 bis 1500 Instrumente; während der Zeit ihres Bestehens hat sie verkauft circa 25,000 Instrumente. Dieselbe fabricirt als Specialität Pianinos und zwar kleine und mittelhohe.

Durch Benutzung aller der Fortschritte, die die neuzeitliche Technik bietet, durch Verwendung der besten Materialien und Hölzer, für deren Beschaffung Stettin gerade ein sehr günstig gelegener Platz, durch die nie rastende Thätigkeit ihres Inhabers ist sie dahin gelangt, Instrumente liefern zu können, welche in ihrer Art Muster-Instrumente genannt werden müssen.

Wolkenhauer hat die Freude gehabt, dass dies von allen hervorragenden Klavier-Virtuosen: Liszt, Hans von Bülow u.s.w. u.s.w. öffentlich ausgesprochen worden ist. Auch wohlverdiente Anerkennung im bürgerlichen Leben ist Wolkenhauer zu Theil geworden.

Se. Majestät der Kaiser ernannte denselben zum Königl. Kommissions-Rath, decorirte ihn mit dem Kronen-Orden, der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha mit dem Ritterkreuz des Sachsen-Ernestinischen Hausordens.

Seine Kaiserl. Königl. Hoheit unser Kronprinz ernannte ihn zu einem Hoflieferanten, die Grossherzöge von Baden, Mecklenburg und Sachsen-Weimar zum Hof-Pianoforte-Fabrikanten u.s.w  u.s.w.

Die Pianoforte-Baukunst verdankt Wolkenhauer nennenswerthe Fortschritte. Ausser verschiedenen Veränderungen und Verbesserungen an der Mechanik der Pianinos, wodurch dieselbe befähigt wird, selbst unter den ungünstigsten klimatischen Verhältnissen stets exact zu functioniren (was für die nördlicher gelegenen Länder eine Forderung ist, die von so wenigen Instrumenten erfüllt wird), darf nicht unerwähnt bleiben, sein eigenthümliches Verfahren der Präparation und Imprägnation des Holzes der Resonanzböden.

Diese Resonanzböden verleihen den Instrumenten eine Fülle und Schönheit des Klanges, wie sie mit anderen Mitteln schwer zu erreichen, und gewähren zugleich die Garantie für die Dauer der schönen Tonfarbe. Die Instrumente Wolkenhauer's haben sich auf dem Welt-Markt ihren Platz errungen. Sie gehen nach Schweden, Russland, England (in Schottland besteht eine Filiale Wolkenhauer's), nach Nord- und Süd-Amerika.

Wer Stettin besucht, sei er Fachmann oder Laie, sollte nicht versäumen, die in ihrer Art einzig dastehenden Magazine und Fabrik-Anlagen Wolkenhauer's zu besichtigen. Er findet ausser den schönen Instrumenten des Fabrikanten selbst, selten an einer Stelle vereint eine so grosse Anzahl von Pianinos und Flügeln der berühmtesten Fabriken Deutschlands und des Auslandes.

Auch Harmoniums der renommirtesten Fabriken Deutschlands, Belgiens, wie Amerikas, ja von Zeit zu Zeit eine kleine Kirchen- oder Salon-Orgel bergen die schönen hohen Räume des alten Schlüter'schen Baues, in dem sich die Wolkenhauer'schen Magazine befinden.

So manche Industrie-Ausstellung hat keine solche Zahl von Instrumenten aus den verschiedensten Fabriken aufzuweisen, wie das Etablissement G. Wolkenhauer in Stettin. Was das Unternehmen aber noch besonders rühmlichst auszeichnet, das ist die strengste Solidität und Gewissenhaftigkeit, welche dem Geschäfte zu Grunde liegt und welche von demselben seit den 30 Jahren seines Bestehens so konsequent aufrecht erhalten ist, dass ihm heute aus allen Schichten des Publikums das unbedingteste Vertrauen mit Recht entgegen gebracht wird." Die Tonkunst: Wochenschr. für d. Fortschritt in d. Musik ; Organ ..., Volume 11, 01/10/1881, p. 3-4

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